Take me up to the Top of the City

24 Aug

Amman ist keine altehrwürdige orientalische Dame, sondern ein urbaner Melting Pot. Spannend an Amman ist, dass die Stadt so wenig den europäischen Klischees einer arabischen Stadt entspricht: Die Stadt ist weder spektakulär aus dem Nichts gewachsen wie die Städte ölreicher Wüstenstaaten, noch mit einer jahrhundertealten, geschichtsträchtigen Altstadt vom Schlage Damaskus’ bestückt. Ammans Altstadt zieren zwar einige alte römische Ruinen, lebhafte Märkte und Viertel, aber kleine Läden in alten Gemäuern, mit antikem Kunst und Krempel, oder atemberaubende Ruinen und Herrscherpaläste sucht man vergebens. Unter Touristen gilt die Stadt vor allem als praktisches Basecamp, von dem aus man ins umliegende Land reisen und sich dann dort beeindruckende Ruinen angucken kann.

Amman ist ein Meer von Flucht und von Geflohenen, von Visionären und Realisten, von Gefundenen und Suchenden, freundlichen Händlern und einsilbigen Handwerkern, melancholischen und feiernden palästinensischen Intellektuellen, eleganten Geschäftsleuten, ernsten europäischen Vertretern von Internationalen Organisationen und Firmen. Ein Flimmern von kleinem Business und grossem Reibach. Amman hat keine Seele, sondern hundert Seelen.

Amman ist im 20. Jahrhundert kontinuierlich und stark gewachsen und ist Menschen unterschiedlichster Herkunft eine Heimat geworden. Neben den Tscherkessen, einer seit etwa anderthalb Jahrhunderten ansässigen kaukasischen Minderheit, brachten die Kriege von 1948 und 1967 Millionen von Palästinensern nach Jordanien. Wer nach Kuwait emigrierte, der floh 1991 während des Golfkriegs erneut und fand sich ebenfalls in Jordanien wieder. Die über Jahrzehnte Eingewanderten entstammen den verschiedensten sozialen Schichten, denn die diversen Kriege unterschieden nicht zwischen Schustern, Bauern, Lehrern, Automechanikern, Ärzten und Professoren. Der Grossteil der Gwflohenen konnte sich eine kleine bis teilweise sogar spektakuläre Existenz aufbauen. Neben den traditionell einflussreichen, alteingesessenen Familien jordanischen Ursprungs existieren daher heute auch halb-alteingesessene, sehr einflussreiche palästinensische Familien, die sich ihren Wohlstand über Generationen erarbeiten konnten.

Das Wachstum der Stadt, das alte und das neue Geld, sowie die politische Situation macht Amman für verschiedene Seiten zu einem interessanten Handelsplatz im Nahen Osten. Unternehmen aus dem Westen schätzen die berechenbare Lage für ihre Firmenableger im westlichen Orient. Der letzte Krieg im Irak 2003 hat ausserdem, neben zehntausenden von fliehenden Irakern, die Vertretungen Internationaler Organisationen und NGOs nach Amman gebracht. Investoren vom Golf wiederum schielen auf das städtebauliche Potential der Stadt. Zwar kommen die Nachbarn von der Halbinsel schon seit Jahren traditionell gerne für die Sommermonate in das klimatisch vergleichsweise milde Amman. Angeblich sind die Herren von Halbinsel und Golf inzwischen aber nicht nur punktuell für die Sommerferien, sondern permanent und fürs Business in Amman: Die saudische und emiratische Schwäche für Städtebau als sichere Investition geht auch an Amman nicht spurlos vorbei. Der Stadtteil Al-Abdali, bisher ein quirliges Geschäftsviertel, das bisher auch den belebten Busbahnhof für die Anbindung ins Land beherbergte, soll mit saudischen und emiratischen Investoren umfangreich neugebaut werden. Auch wenn das lang erwartete Projekt aktuell wegen Wirtschaftskrise und Finanzierungsproblemen unterbrochen wurde, wird Al-Abdali bei tatsächlicher Umsetzung ein völlig neues Gesicht erhalten.

Die Stadtentwicklung ist daher vieldiskutiertes Thema, nicht nur in der Ammaner Bourgeoisie: Wie wächst eigentlich eine Stadt, die so wächst wie Amman? Und wie soll eine Stadt wachsen, die so wächst wie Amman? Was hält Jordanier, Palästinenser, Iraker, Alt, Jung, Arm, Reich, West-Amman und Ost-Amman eigentlich zusammen?

Der melancholische Intellektuelle merkt an, dass Städte nicht nach eigenem Willen auf dem Reissbrett entworfen werden können. Dass die Business-Türme, Malls und Wohnkomplexe eine Exklusivität herstellen, ein teilendes „Innen“ und „Aussen“, das auf Dauer die Bevölkerung spalten könnte. Denn das neue Glitzerprojekt nehme nur auf die gutbetuchten Stadtbewohner Rücksicht. Der Durchschnitts-Ammaner aus dem Ostteil der Stadt könnte derweil nur staunend die Nase ans Fenster drücken, denn Stadtentwicklung sei in jenem Teil Stadt bisher kein grosses Thema. Der zynische Brite, der in der Branche arbeitet, verweist auf die saudische Handschrift, die das Projekt angeblich trägt: Die Investoren stellen sich Aspekte wie „öffentliche Räume für alle“ und „Spazieren und Flanieren“ vermutlich ein wenig anders vor als die Ammaner Stadtbevölkerung. Der Zyniker sagt, zu einer stimmigen Stadtentwicklung im Sinne Ammans werde das neue Abdali sicherlich nicht beitragen.

Den hundert Seelen von Amman ist das noch egal. Abends döst der Tag langsam ein und der Himmel beginnt bläulich zu schimmern. Die Lichter gehen an, und die Luft kühlt ab. Der Ruf des Muezzin schallt leise durch die diesige Luft, und unaufhaltsam, lebhaft und wie im Rausch beginnt die Nacht ihren Tag.

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